Dienstag um 22:17

Jeden Dienstag um genau 22:17 erscheint derselbe Mann am Fenster gegenüber. Dann bleibt er eines Abends aus, und plötzlich bedeutet die Routine etwas.

Zuerst fiel Mara die Uhrzeit auf, weil die Uhr an ihrer Mikrowelle falsch ging.

Sie war sieben Minuten zu schnell.

Mara wusste das, weil jeden Dienstagabend, wenn sie mit einer Tasse Tee ins Wohnzimmer kam, der Mann im Gebäude gegenüber um genau zweiundzwanzig Uhr siebzehn an seinem Fenster erschien.

Laut Mikrowelle war es zweiundzwanzig Uhr vierundzwanzig.

So präzise wurde die Routine.

Mara war vierzig. Sie arbeitete in der Lohnbuchhaltung, lebte allein und hatte das Erwachsenenalter erreicht, in dem Routinen weniger nach Disziplin aussahen als nach einer bequemen Methode, Wochen verschwinden zu lassen.

Dienstag bedeutete spät einkaufen.

Wäsche.

Tee.

Eine Krimiserie, die sie angeblich nicht mochte.

Und, aus Gründen, die sie niemandem hätte erklären können, ohne seltsam zu klingen, der Mann gegenüber.

Er tat nie etwas Interessantes.

Das war Teil des Reizes.

Um zweiundzwanzig Uhr siebzehn betrat er das Zimmer.

Manchmal mit einem Buch.

Manchmal mit einem Glas Wasser.

Einmal verbrachte er zwanzig Minuten damit, Kopfhörer zu entwirren.

Er war weit genug entfernt, dass Mara keine Einzelheiten sah, aber nah genug, dass Gesten vertraut wurden.

Beim Lesen rieb er sich den Nacken.

Er öffnete das Fenster sogar bei kaltem Wetter.

Er hatte eine Pflanze, die sichtbar gegen das Leben verlor.

Mara hatte die Pflanze Bernard genannt.

Nicht den Mann.

Den Mann zu benennen hätte übertrieben gewirkt.

Als er sie das erste Mal direkt ansah, hätte sie fast den Tee verschüttet.

Sie stand neben ihrem eigenen Fenster.

Nicht versteckt.

Nicht wirklich beobachtend.

Der Mann sah auf.

Hielt inne.

Mara blieb stehen.

Er hob eine Hand.

Eine kleine Geste.

Sie hob ihre.

Dann kehrten beide zu ihren Abenden zurück.

Am folgenden Dienstag, um zweiundzwanzig Uhr siebzehn, winkte er zuerst.

Danach wurde es ein Ritual.

Mehr nicht.

Das war wichtig.

Mara hatte keine Lust, aus jeder angenehmen Sache ein Projekt zu machen.

Jahrelang hatte sie genau das getan.

Beziehungen brauchten Definitionen.

Freundschaften brauchten Pläne.

Arbeit brauchte Ziele.

Der Mann gegenüber brauchte nichts.

Er erschien.

Sie erschien.

Sie bemerkten einander.

Das genügte.

Bis zu dem Dienstag, an dem er nicht kam.

Um zweiundzwanzig Uhr siebzehn blieb das Fenster dunkel.

Mara wartete.

Zweiundzwanzig Uhr einundzwanzig.

Nichts.

Sie sah die Krimiserie.

Um zweiundzwanzig Uhr sechsunddreißig sah sie wieder hin.

Noch immer dunkel.

Sie kam sich dumm vor, weil es ihr etwas bedeutete.

Um dreiundzwanzig Uhr zwei ging sie ins Bett.

Am nächsten Dienstag ging das Fenster um zweiundzwanzig Uhr siebzehn an.

Mara stand schon da.

Der Mann erschien mit etwas, das wie ein Krankenhausarmband aussah.

Selbst auf die Entfernung konnte sie das weiße Band um sein Handgelenk sehen, als er die Hand hob.

Mara runzelte die Stirn.

Er sah zu ihr.

Dann hielt er ein Blatt Papier hoch.

OK.

Sie lachte vor Erleichterung, die sie nicht erwartet hatte.

Sie suchte einen Filzstift.

GUT.

Er antwortete:

SORRY.

Mara schrieb:

WOFÜR?

Pause.

Dann:

DIENSTAG VERPASST.

Zum ersten Mal wurde ihre Routine persönlich.

Mara schrieb:

GÜLTIGE AUSREDE.

Er lachte.

Oder sie glaubte es zumindest.

In der nächsten Woche erschien er mit einem weiteren Schild.

NAME?

Mara zögerte.

Dann schrieb sie:

MARA.

Er verschwand.

Kam zurück mit:

JAMES.

Bernard, stellte sie fest, würde die Pflanze bleiben.

Ihre Schilder wurden ausführlicher.

ARBEIT?

LOHNBUCHHALTUNG.

James antwortete:

MEIN BEILEID.

Sie lachte.

DU?

ARCHITEKT.

ANMAßEND.

STIMMT.

Im nächsten Monat lernten sie nur Dinge voneinander, die bequem auf Papier passten.

Mara hatte einen Bruder in Perth.

James eine Schwester in Brisbane.

Mara hasste Joggen.

James hasste Koriander.

Mara hatte keine Haustiere.

James schrieb:

PFLANZE.

Sie zeigte auf Bernard.

Er setzte einen beleidigten Gesichtsausdruck auf.

Mara schrieb:

STERBENDE PFLANZE.

James hielt hoch:

ERHOLT SICH.

Bernard erholte sich definitiv nicht.

An einem Dienstag regnete es stark.

Wasser lief an beiden Fenstern herunter und machte James zu einer verschwommenen Silhouette.

Mara ging dicht an die Scheibe.

Er tat dasselbe.

James schrieb etwas.

Sie konnte es nicht lesen.

Er versuchte es mit größeren Buchstaben.

KAFFEE?

Mara starrte auf das Wort.

Das war der Moment, von dem sie irgendwie gewusst hatte, dass er kommen würde.

Die Routine funktionierte, weil sie begrenzt war.

Ein Rechteck aus Licht.

Zweiundzwanzig Uhr siebzehn.

Dienstags.

Kaffee würde ihn echt machen.

Echte Menschen enttäuschten einen auf Arten, die Silhouetten nicht konnten.

James wartete.

Mara schrieb:

WANN?

Seine Antwort:

SAMSTAG?

Sie sah auf den Regen.

Dann zu ihm.

JA.

Am Samstagnachmittag kam Mara früh in ein Café genau zwischen ihren Gebäuden.

James war schon da.

Das ärgerte sie.

Er stand auf, als er sie sah.

Sie erkannte ihn sofort und überhaupt nicht.

Er war dreiundvierzig.

Größer, als er durch das Fenster gewirkt hatte.

Grau an den Schläfen.

Ein wenig schmaler, als sie gedacht hatte.

Er sah sie an und lächelte.

„Mara?“

„Außer es gibt hier mehrere Frauen, die dich dienstags anstarren.“

„Fair.“

Sie setzten sich.

Die ersten drei Minuten waren schrecklich.

Wetter.

Kaffee.

Die Gegend.

Dann sagte James: „Bernard geht es besser.“

Mara lachte so laut, dass jemand am Nebentisch hersah.

„Nein.“

„Doch.“

„Er besteht fast nur noch aus Stöcken.“

„Das sind Äste.“

„Das sind Beweise.“

Damit war alles repariert.

James war auf eine ruhige Art lustig.

Den verpassten Dienstag hatte er wegen des Verdachts auf Blinddarmentzündung im Krankenhaus verbracht, der sich am Ende als etwas Harmloseres herausgestellt hatte.

Er lebte ebenfalls allein.

Seit vier Jahren geschieden.

Liebte alte Gebäude.

Hasste Smalltalk, obwohl er erstaunlich gut darin war.

Mara erzählte ihm, dass sie ihn beinahe benannt hätte.

„Was?“

„Die Pflanze hat den Namen stattdessen bekommen.“

James sah beleidigt aus.

„Du hast meine Pflanze vor mir benannt?“

„Du bist nicht so sichtbar gestorben.“

„Hart.“

Sie redeten zwei Stunden.

Als sie gingen, wusste keiner, ob es ein Date gewesen war.

Mara mochte das.

An der Kreuzung sagte James: „Dienstag?“

Sie lächelte.

„Natürlich.“

Dann zögerte er.

„Freitag?“

Mara sah ihn an.

„Abendessen?“

„Ja.“

„Bei dir oder bei mir?“

James blickte zu seinem Gebäude.

„Bei mir?“

„Bernard-Kontrolle.“

Er lachte.

„Na gut.“

Der Freitag kam.

Mara ging mit einer Flasche Wein und unangemessen großer Neugier in James' Wohnung — auf den Raum, den sie monatelang nur als leuchtendes Rechteck gesehen hatte.

Bernard sah aus der Nähe noch schlimmer aus.

Sie stellte sich vor die Pflanze.

„James.“

„Er erholt sich.“

„Er ist Kompost mit Ehrgeiz.“

„Grausam.“

Sie kochten.

Schlecht.

Tranken Wein.

Redeten, bis die Stadt draußen weitgehend dunkel geworden war.

Um 22:17 Uhr bemerkte Mara die Uhrzeit.

James auch.

Beide blickten zum Fenster.

Ihre Wohnung leuchtete auf der anderen Straßenseite.

Leer.

„Das ist komisch“, sagte sie.

„Was?“

„Meine Wohnung von hier aus zu sehen.“

James stellte sich neben sie.

„Du warst monatelang jeden Dienstag in diesem Fenster.“

„Du auch.“

Sie sahen einander an.

Die alte Distanz war weg.

Maras Puls veränderte sich.

James griff nach ihrer Hand.

„Darf ich dich küssen?“

„Ja.“

Er tat es.

Für ungefähr fünf Sekunden war der Kuss vorsichtig.

Dann legte Mara beide Hände an sein Gesicht und küsste ihn härter.

James schlang die Arme um sie.

Sie bewegten sich vom Fenster weg.

Dann stoppte Mara.

„Nein.“

James blinzelte.

„Nein?“

„Fenster.“

Er sah hinüber.

„Du willst hierbleiben?“

Mara lachte leise.

„Ich habe dich monatelang durch dieses Fenster angesehen.“

James verstand.

Er küsste sie wieder, direkt vor der Scheibe.

Mara zog ihm das Shirt aus.

James knöpfte ihres auf.

Ihr BH folgte.

Er sah auf ihre nackten Brüste.

Mara mochte, dass sein Blick vertraut wirkte.

Das Zuschauen hatte lange vor der Berührung begonnen.

Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihre Brust.

„Besser?“

„Viel.“

James küsste ihren Hals.

Mara griff nach unten und spürte seine Erektion durch die Hose.

„Auch besser.“

Er lachte.

Sie zogen sich aus, ohne zu hetzen.

Zum ersten Mal stand Mara nackt in genau dem Raum, den sie jeden Dienstag beobachtet hatte.

Sie ging zum Fenster.

Ihre Wohnung lag direkt gegenüber.

Dunkel.

James stand hinter ihr.

Seine Hände legten sich um ihre Taille.

„Alles okay?“

„Ja.“

Sein Mund berührte ihre Schulter.

Mara lehnte sich gegen ihn zurück.

James' Hand glitt ihren Bauch hinunter.

Zwischen ihre Beine.

Sie öffnete sie ein wenig.

Er berührte sie langsam.

Mara beobachtete ihre Spiegelung in der Scheibe.

Zwei Körper dort, wo monatelang nur einer gewesen war.

Ihr Atem beschlug das Fenster.

James schob zwei Finger in sie, während sein Daumen ihre Klitoris bearbeitete.

Mara klammerte sich an die Fensterbank.

„Fuck.“

Er küsste ihren Nacken.

Sie bewegte sich gegen seine Hand.

Die Stadt draußen verschwamm.

Das alte Dienstagsritual war immer still gewesen.

Das hier war es nicht.

Mara kam an seinen Fingern, während James sie aufrecht hielt.

Als ihre Beine wieder stabil waren, drehte sie sich um.

„Ich bin dran.“

Sie drückte ihn in den Stuhl neben Bernard.

James lachte.

„Die Pflanze darf zusehen?“

„Sie verdient wenigstens noch etwas, bevor sie stirbt.“

„Hart.“

Mara kniete sich zwischen seine Beine.

Schloss die Hand um seinen Schwanz.

James hörte auf zu lachen.

Sie wichste ihn langsam.

Dann nahm sie ihn in den Mund.

Seine Hand berührte ihr Haar.

Mara blickte hoch.

Der Ausdruck in seinem Gesicht ließ sie ihn tiefer nehmen.

James stöhnte.

„Jesus.“

Sie zog sich zurück.

„Denkst du immer noch, Freitag war eine gute Idee?“

„Extrem gute.“

Mara lächelte und nahm ihn wieder in den Mund.

Als er kurz davor war, hörte sie auf.

James starrte sie an.

„Warum?“

„Weil ich das hier will.“

Sie stand auf und öffnete seine Nachttischschublade.

„Kondom?“

James deutete nach hinten.

Mara fand eines.

„Vorbereitet.“

„Ich war hoffnungsvoll.“

„Ehrlich.“

Sie zog es ihm über.

Dann setzte sie sich rittlings auf ihn.

James' Hände gingen an ihre Hüften.

Mara ließ sich auf seinen Schwanz sinken.

Beide hielten beim ersten tiefen Dehnen inne.

„Okay?“

„Ja.“

Sie begann, sich zu bewegen.

Der Stuhl knarrte.

Bernard stand weiterhin halb tot und wertend neben ihnen.

Mara lachte einmal.

„Was?“

„So hatte ich mir Dienstagabende nicht vorgestellt.“

James zog sie näher.

„Besser?“

Mara kreiste mit den Hüften.

„Viel.“

Sie ritt ihn vor dem Fenster, die Hände auf seinen Schultern, und spürte bei jeder Abwärtsbewegung, wie er sie füllte.

James küsste ihre Brüste.

Mara bewegte sich schneller.

Der Druck baute sich wieder auf.

James stand auf, ohne aus ihr herauszugleiten, und drehte sie zum Bett.

Mara schlang die Beine um ihn.

Er legte sie hin.

Dann fickte er sie härter.

Mara legte den Kopf zurück.

„Nicht aufhören.“

„Mach ich nicht.“

Sie berührte sich selbst, während er sich in ihr bewegte.

James sah zu.

Das ließ ihre Finger schneller werden.

Mara kam erneut um ihn herum.

James folgte kurz darauf, stieß tief zu und hielt dort inne.

Danach lagen sie nebeneinander.

Die Mikrowellenuhr in der Küche zeigte 00:41.

Sieben Minuten zu schnell.

Mara lachte.

„Was?“

„Nichts.“

James sah zum Fenster.

„Dienstag?“

Mara drehte sich auf die Seite.

„Dienstag bleibt.“

„Auch nach dem hier?“

„Gerade deswegen.“

Am folgenden Dienstag um 22:17 Uhr war Mara wieder in ihrer eigenen Wohnung.

James erschien auf der anderen Straßenseite.

Er hielt ein Schild hoch.

VERMISST DU MICH?

Mara schrieb:

FREITAG.

James:

DAS IST KEINE ANTWORT.

Mara lächelte.

Dann schrieb sie:

JA.

Eine Sekunde später ergänzte sie:

UND BERNARD STIRBT IMMER NOCH.

James hielt die Pflanze beschützend hoch.

Mara lachte.

Manche Rituale überstanden eine Eskalation erstaunlich gut.

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