Vier Plätze am Tisch
Nora deckte für vier und stellte dann die Gläser um, weil der Tisch nach einem Vorstellungsgespräch…
Nora deckte für vier und stellte dann die Gläser um, weil der Tisch nach einem Vorstellungsgespräch aussah.
Alex beobachtete sie von der Küchentür aus. Er hielt eine Schüssel Salat mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes, dem eine einzige überschaubare Aufgabe übertragen worden war und der sie unbedingt perfekt erledigen wollte. Nach sechzehn Ehejahren kannte sie diesen Ausdruck. Normalerweise zeigte er sich vor Besuchen seiner Eltern. Heute kamen Jules und Theo zum Abendessen, ein Paar, das sie bei einem Kochkurs im Freundeskreis kennengelernt hatten, und dieser Ausdruck beruhigte Nora überhaupt nicht.
„Stell den Salat ab“, sagte sie. „Niemand benotet ihn.“
„Er ist gewaschen.“
„Eine ausgezeichnete Grundlage für den Abend.“
Nora war dreiundvierzig, Alex sechsundvierzig. In ihrer Ehe hatten eine Wohnung mit feuchten Wänden, zwei enttäuschende berufliche Veränderungen und ein großartiger Streit über einen Urlaub Platz gefunden, den keiner von beiden gewollt hatte. Was bis vor Kurzem gefehlt hatte, war ein ehrliches Gespräch darüber, andere Menschen anziehend zu finden, ohne diese Anziehung sofort als Bedrohung zu behandeln.
Dieses Gespräch hatten sie von sich aus begonnen. Jules und Theo waren erst später dazugekommen, zunächst als Menschen, über deren Nachrichten sie lachten, dann als Menschen, die sie wiedersehen wollten. Alle wussten, welche Möglichkeit im Raum stand. Die Einladung verpflichtete niemanden zu mehr als einem Abendessen. Als sie es verabredet hatten, war Nora das vollkommen klar gewesen. Jetzt fragte sie sich, ob sie einen einfacheren Nachtisch hätte machen sollen.
Es klingelte, während Alex nach dem guten Servierlöffel suchte. Jules, vierzig, brachte Blumen in braunem Papier mit. Theo, vierundvierzig, trug eine Flasche und den verlegenen Ausdruck eines Menschen, dem gesagt worden war, er solle nichts mitbringen, und der trotzdem etwas mitgebracht hatte. Nora mochte sie augenblicklich wieder genauso gern.
Jules trug ein dunkelgrünes Kleid und kleine silberne Ohrringe. Theo hatte bei seinem hellen Hemd eine Manschette anders umgeschlagen als die andere. Sie rochen nach kalter Luft. Alex nahm ihre Mäntel entgegen und reichte Theo versehentlich seinen eigenen. Das lockerte die Stimmung gründlicher auf als alles, was Nora sich zu sagen vorgenommen hatte.
Sie aßen an dem Tisch mit den umgestellten Gläsern. Das Gespräch wanderte vom Kochkurs zu schwierigen Nachbarn und dann zu den unvernünftigen Kosten einer Badsanierung. Jules konnte eine Geschichte erzählen, ohne alle anderen zu bloßen Zuhörern zu machen. Theo fragte Alex nach den Regalen, die er gebaut hatte, und hörte sich die Antwort an. Nora beobachtete, wie sich Alex' Gesicht veränderte, wenn jemand Neues ihn interessant fand.
Dass gerade das sie berühren würde, hatte sie nicht erwartet. Meistens sah sie ihn durch den vertrauten Katalog unerledigter Arbeiten. Auf der anderen Tischseite war er ein Mann mit einem schönen Lachen und sorgfältigen Händen. Er erzählte eine Geschichte, die sie schon kannte, in einem Ton, der ihr Lust machte, sie noch einmal zu hören.
Jules bemerkte ihren Blick. Sie lächelte, ohne daraus eine Frage zu machen. Nora lächelte zurück und griff nach dem Wasser.
Der Nachtisch war misslungen. Als Nora ihn anschnitt, war die Mitte noch flüssig. Sie stand in der Küche und erwog, so zu tun, als sei das Absicht gewesen. Alex folgte ihr mit den Tellern.
„Du kannst sagen, wenn du das nicht möchtest“, sagte er leise.
Sie sah auf. „Den Nachtisch?“
„Den Abend. Irgendeinen Teil davon.“
„Ich weiß.“ Sie legte das Messer weg. „Und du?“
Er lehnte sich an die Arbeitsplatte. Es gefalle ihm, sagte er, aber er habe Sorge, sie hätte nur zugestimmt, weil sie glaubte, so etwas müsse man als abenteuerlustiger Mensch tun. Fast hätte sie ihn unterbrochen, um ihn zu beruhigen. Stattdessen fragte sie, warum er das nicht früher gesagt hatte.
„Ich wollte nicht ängstlich klingen.“
Sie berührte seine Wange. „Du darfst wie du selbst klingen.“
Er schloss kurz die Augen. Sie kannte diese kleine Bewegung besser als jede Geschichte, die er beim Essen erzählt hatte. Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte sie sich wirklich in der Küche anwesend, statt sich selbst dabei zuzusehen, wie sie alles zu organisieren versuchte.
Sie beschlossen, nicht länger festzulegen, wie ein gelungener Abend aussehen musste. Sie konnten an den Tisch zurückgehen, den zusammengefallenen Nachtisch servieren und sehen, wie es ihnen ging. Nora küsste ihn zuerst nur kurz, dann noch einmal, weil seine Hand sich auf jene besondere Weise in ihren Nacken gelegt hatte, die sie liebte. Als sie zurückkehrten, half Jules Theo gerade dabei, ein Blütenblatt von seinem Ärmel zu entfernen.
„Es war so still bei euch“, sagte Theo. „Wir hofften, dass es nicht um den Salat ging.“
Alex hob das Kinn. „Der Salat war über jede Kritik erhaben.“
Während die Männer Teller trugen, blieb Jules neben Nora an der Arbeitsplatte stehen. Sie fragte, ob sie beim Wegräumen helfen sollte. Nora gab zu, an jenem Nachmittag eine Schranktür geputzt zu haben, die seit Wochen niemand angefasst hatte.
„Ich habe das Auto sauber gemacht“, sagte Jules. „Wir sind mit dem Taxi gekommen.“
Sie lachten mit einer Unbefangenheit, die ihren früheren Nachrichten gefehlt hatte. Jules erzählte, dass sie fast abgesagt hätte. Nicht aus Desinteresse, sondern weil sie ungern irgendwo ankam und das Gefühl hatte, man hätte schon über sie entschieden. Nora verstand das sofort. Den halben Abend hatte sie damit verbracht, sich durch die Augen ihrer Gäste zu sehen.
„Ich würde mich freuen, wenn ihr wiederkommt, auch wenn wir nur zusammen essen“, sagte sie.
Jules sah sie an. „Ich würde mich auch freuen.“
Als Alex die Kaffeetassen holen kam, sprachen die beiden über einen gewöhnlichen Sonntagsmarkt. Nora spürte, wie ihre Schultern sich entspannten. Es war beruhigend, wissen zu wollen, was jemand zum Frühstück einkaufte. Vielleicht waren die Menschen am Tisch auch dann noch interessant, wenn niemand sich besonders interessant zu geben versuchte.
Sie servierten den Nachtisch in Schalen und nannten ihn warme Schokoladenkatastrophe. Jules sagte, sie würde ihn wieder bestellen. Nach dem Kaffee fragte Theo, ob jemand Musik hören wollte, und Nora zeigte ihm den Lautsprecher. Das erste Lied war zu fröhlich für die Stimmung im Zimmer. Das zweite war alt genug, dass alle vier es kannten und sich ein wenig falsch an den Text erinnerten.
Jules hielt Alex die Hand hin. Er sah zu Nora, die ihm ein kleines, ehrliches Lächeln schenkte. Auf der anderen Seite des Zimmers fragte Theo Nora, ob sie tanzen wolle. Sie wollte. Seine Hand lag leicht an ihrer Taille. Er roch schwach nach Zedernholz und Regen, und die ungewohnte Nähe machte ihr plötzlich ihren eigenen Atem bewusst.
Anfangs bewegten sie sich unbeholfen, weil der Raum zu klein war und niemand wusste, wohin der andere sich drehen wollte. Dann fanden sie genug Platz. Nora sah über Theos Schulter und entdeckte Alex, der mit Jules lachte. Der Anblick hatte etwas überraschend Zärtliches. Sie verschwand nicht aus seiner Aufmerksamkeit. Seine Augen fanden ihre wieder, warm und unverwechselbar.
Als das Lied endete, hielt Theo sie nicht fest. Sie blieb aus eigenem Entschluss in seiner Nähe. Er fragte leise, ob er sie küssen dürfe. Sie antwortete, und ihr Kuss war sanft genug, dass sie die Entscheidung darin spüren konnte. Danach sah sie ihn an und lächelte, weil sie es wollte, nicht weil sie ein Lächeln für angebracht hielt.
Der Abend ging in seinem eigenen Tempo weiter. Fragen wurden in gewöhnlichem Ton gestellt, Antworten durften sich ändern. Was geschah, nachdem sie das Wohnzimmer verlassen hatten, blieb ihre Angelegenheit. Niemand machte aus der Nacht eine Vorführung oder ein Versprechen für das nächste Mal.
Später, als sich die Haustür hinter ihren Gästen geschlossen hatte, fand Nora Alex in der Küche beim letzten Löffel des misslungenen Nachtischs. Sie nahm ihm den Löffel ab, probierte und legte ihn weg. Er hielt ihr die Hand hin. Sie trat in die vertraute Form seiner Umarmung, in die sie nun etwas Neues mitbrachte, das sie gemeinsam hatten entdecken wollen.
„Vier Schalen zum Spülen“, sagte er an ihrem Haar.
„Du hast doch gesagt, der Salat sei deine einzige Aufgabe.“
„Ich hatte auf Nachverhandlungen gehofft.“
Sie lachte, küsste ihn und ließ die Schalen bis zum Morgen stehen.